Eine Operation am offenen Herzen

Veröffentlicht am 19.07.2019 in Kreisverband

Das Pflegeheim „Pro Seniore“ in Friedenweiler befindet sich in einer schwierigen Umbruchsituation

Im Spannungsfeld zwischen Pflegenotstand und Fachkräftemangel arbeitet auch das 1989 eröffnete Pflegeheim „Pro Seniore“ im Schloss Friedenweiler derzeit. Da es sich in einem ehemaligen Zisterzienser-Kloster befindet, muss es sich darüber hinaus mit beengten räumlichen Gegebenheiten abfinden, die weder den Maßgaben der Landesheimbauverordnung von 2009 entsprechen, noch der Schwerpunktverlagerung von der früheren Altenpflege hin zum heute stark nachgefragten Betreuten Wohnen. Das erklärte der Leiter des Pflegeheims, Joachim Wünsche, evangelischer Theologe und Sozialmanager, anlässlich eines Informationsbesuches des Kreisvorstands der SPD Breisgau-Hochschwarzwald.

Stark betroffen ist das Pflegeheim auch deshalb, weil ihm eine „Fachschule für Altenpflege“ mit Internat angegliedert ist (derzeit 70 Schüler*innen). Die neue Pflegeausbildung von 2020 an erfordert, wie Wünsche darlegte, vom Betreiber eine hohe Flexibilität, werden die Auszubildenden dann doch drei Jahre lang eine so genannte „Generalistische Ausbildung“ erhalten, die fächerübergreifend für eine Tätigkeit in den Pflegebereichen Gesundheit, Kranke, Kinder und Alte qualifiziert. Einen Einzelabschluss in der Krankenpflege soll es künftig aber nicht mehr geben.

Was 2020 ebenfalls ansteht, ist der Beginn eines bereits 2015 beschlossenen Neubaus mit 75 Einzelzimmern und zwölf Wohnungen in unmittelbarer Nachbarschaft. Ein Umbau des Bestandsgebäudes hätte nicht nur erhebliche Investitionen erfordert, sondern wäre auch unter Denkmalschutz-Aspekten unmöglich gewesen, weil der Zuschnitt der Zimmer der früheren Nutzung als Mönchszellen entspricht. Doppelzimmer, wie es sie derzeit noch im Altbau gibt, sind im Neubau laut Heimbauverordnung nicht mehr zulässig. Dafür wird es aber, anders als derzeit im Schloss, in jedem Zimmer eine Nasszelle geben. Auch werden die Arbeitswege für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kürzer.

Die Genehmigung für das Bauvorhaben der Unternehmensgruppe Victor’s, zu der die familiengeführte Einrichtung Pro Seniore mit 120 Standorten in Deutschland gehört, ist erteilt.  Die Detailplanung läuft. Die Eröffnung ist für Ende 2022 geplant. Für die Übergangszeit kann der Betrieb im Schloss via Ausnahmegenehmigung in gewohnter Weise fortgeführt werden. An sich hätte das alte Haus zum 31. August 2019 aufgegeben werden müssen. Pro Seniore mit Sitz in Saarbrücken entschied sich aber, den Standort Friedenweiler zu erhalten. Dabei, so Joachim Wünsche im Gespräch mit der SPD-Gruppe, fand sich der Träger damit ab, dass „hier kein Geld zu verdienen ist“.  Andere kapitalgeführte Pflegeeinrichtungen seien hingegen „eher auf Rendite gebürstet“.

Der Anteil an alten Menschen wird immer größer, und damit steigt der Bedarf an Pflegeplätzen in Deutschland. Gleichwohl reicht das Angebot an Pflegebetten in vielen Einrichtungen aus, weil infolge einer viel zu geringen Zahl an qualifizierten Pflegekräften Zimmer oft leer stehen. „Wir orientieren uns bei der Belegung nicht an der starken Nachfrage nach Vollzeit-Pflegeplätzen, sondern im Rahmen des mit dem Kostenträger für uns ausgehandelten Personalschlüssels an dem, was unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu leisten imstande sind“, berichtete der Heimleiter.

Mehr Pflege braucht mehr Fachkräfte. Die sind aber nur sehr schwer zu finden. „Der Pflegenotstand, also der Mangel an Fachkräften, ist derzeit bei uns voll angekommen. Schon vor zehn Jahren haben wir davor gewarnt, dass er kommen würde. Und er ist jetzt wirklich da“, berichtete Wünsche. Pro Seniore gelinge es aber, den Mangel etwas abzufedern, „weil wir im Ausland Fachkräfte anwerben, sie nach Deutschland holen und in unseren Schulen ausbilden“. Der Ausländeranteil liege derzeit bei 80 Prozent. Viele  Auszubildende kämen gegenwärtig aus Kamerun und Vietnam. Ein großes Problem sei die Sprachkompetenz, räumte der Heimleiter ein. Die Sprache sei aber der Schlüssel zum kulturellen und gesellschaftlichen Verstehen sowie für die fachliche Qualität.

In Friedenweiler arbeiten derzeit 60 Personen in der Pflege, darunter acht Auszubildende sowie auch geringfügig Beschäftigte. „Inklusive Hauswirtschaft, einem eigenständig geführten Bereich, sind wir derzeit bei 35 Vollzeitstellen“, berichtet Wünsche. Das Haus verfügt über 63 Pflegeplätze in barrierefreien Einzel- und Doppelzimmern für die Langzeitpflege. 60 Prozent der Bewohner sind Sozialhilfeempfänger, 40 Prozent Selbstzahler. Der Altersdurchschnitt liegt heute bei rund 85 Jahren. Diese Menschen sind mithin weniger mobil und rüstig als jene, die noch vor fünf Jahren ins Heim kamen. Da lag  der Schnitt noch bei 78/79 Jahren, wie der Heimleiter darlegte. Schwieriger sei nun in Friedenweiler schon die Pflege „55 plus“, weil das Haus nicht auf die Unterbringung von drei Generationen ausgelegt sei. Durchaus ein Problem sei es, im Landkreis auch Pflegeplätze für deutlich jüngere Menschen zu bekommen, die etwa nach einem Sportunfall im Alter von 25 Jahren klar der Hilfe bedürften, merkte die SPD-Kreisvorsitzende Birte Könnecke kritisch an.

Hoch ist auch der Bedarf an Kurzzeitpflegeplätzen, die es pflegenden Angehörigen ermöglicht, mal eine Auszeit zu nehmen. Solche Kurzzeitpflegeplätze werden aber von vielen Einrichtungen wegen fehlender Wirtschaftlichkeit bei hohem Hilfebedarf, wegen fehlendem Personal und hohem bürokratischen Aufwand nicht mehr angeboten. Pro Seniore geht da einen anderen Weg, verzichtet auf gesonderte Zimmer und versorgt die kurzzeitig zu Pflegenden im stationären Wohnbereich einfach mit, auch wenn das von der Logistik her nicht ganz einfach ist. Derzeit gibt es bei sieben möglichen Pflegeplätzen dieser Kategorie im Schloss sechs „eingestreute“ Kurzzeit- oder Verhinderungspflegeplätze, auch Urlaubspflegeplätze genannt, wie Wünsche erklärte.  Die Verhinderungspflege, also die Pflege im Anschluss an einen Krankenhaus- oder einem Reha-Aufenthalt, ist hier sehr gefragt. Tagespflege-Angebote gibt es hier aber nicht.

Nun bringt die neue Pflegeausbildung von 2020 an für Friedenweiler ein weiteres Problem mit sich: Hier gibt es noch einen relativ hohen Anteil an Auszubildenden, die sich die dreijährige Ausbildung schenken und bereits nach einem Jahr einen Abschluss machen, sich also mit der Qualifikation „Pflegehelfer“ zufrieden geben. Mit Hilfe dieser „einjährig Examinierten“ lässt sich im Haus aber die eigentlich gebotene Fachkraft-Quote von 50 auf 40 Prozent senken, berichtet Wünsche. Doch ist es derzeit ungewiss, ob Baden-Württemberg dieses so genannten Helferexamen noch aufrecht erhält, weil ja die seit 2007 bestehende Assistentenprüfung im Rahmen der kommenden Generalistischen Pflegeausbildung eine immer größere Bedeutung erhält.  Der Bedarf an Assistenzkräften etwa in den Bereichen Hauswirtschaft und Soziale Arbeit steigt, wie Fachleute berichten.

„Die Ausbildung wird komplett durcheinander gewürfelt. Wir kritisieren an der generalisierten Ausbildung, dass sie quasi eine Operation am offenen Herzen ist. Die Krankenpflege soll sehr wahrscheinlich auf Kosten der Altenpflege gestärkt werden. Dabei hatte es die Altenpflege zuletzt geschafft, sich ein positives im Image aufzubauen“, legte Joachim Wünsche dar. Auch seien die Ausbildungszahlen in der Altenpflege in den letzten drei Jahren noch nach oben gegangen.

„Unsere Schule wird im Prinzip dem Bereich Altenpflege und den Abschluss ,Pflege` kombiniert anbieten“, erklärte der Heimleiter auf die Frage von Birte Könnecke, wie sich dann der Übergang gestalte. „Die für 2025 geplante Evaluation, wie viel Personen noch einen Altenpflege-Abschluss machen, zeigt, dass der Gesetzgeber die Abschaffung des eigenständigen Berufes ,Altenpfleger anstrebt“, mutmaßt Joachim Wünsche. „Wir versuchen jetzt, die Ausbildung so zu lenken, dass möglichst viele in die generelle Pflege gehen, und möglichst wenige in die Altenpflege. Wenn ich mich am Anfang entscheide, in die generelle Pflege zu gehen, hab ich immer relativ lange noch die Möglichkeit, in die Altenpflege zu wechseln, umgekehrt geht das aber nicht“, erläuterte er.

Eine wichtige Einrichtung im Pflegeheim Friedenweiler ist der auf zwei Jahre gewählte fünfköpfige Heimbeirat, der auf der Grundlage der Heimmitwirkungsverordnung die Interessen der Bewohner vertritt und beratend mit der Heimleitung zusammen arbeitet - nicht nur, was das Miteinander der Menschen im Haus betrifft, sondern auch, wenn es darum geht, Mängel abzustellen. Der Heimbeirat war denn auch beim SPD-Besuch dabei.

In der Diskussion informierte Joachim Wünsche die SPD-Kreisvorsitzende Könnecke darüber, dass die Abbruchquote bei den Ausbildungsgängen schon jetzt durchaus ein Problem sei und bei der Generalistischen Ausbildung vermutlich weiter steigen werde. Als „eine Katastrophe“ bezeichnete es der langjährige SPD-Kommunalpolitiker, wiedergewählte Kreisrat, Altbürgermeister und Vorsitzende der Genossenschaft Seniorenfreundliches Wohnen in Löffingen, Norbert Brugger, dass sich Leute mit Monatsrenten von 600 oder 700 Euro im Alter bei der Suche nach einem Pflegeplatz vor eine bedrückende finanzielle Situation gestellt sehen. Dieter Köpfler, SPD-Ortsvereinsvorsitzender und Gemeinderat in Löffingen, fragte nach den Zukunft der Pflege in einer zunehmend alternden Gesellschaft und danach, ob irgendwann einmal die Bereiche häusliche, ambulante und stationäre Pflege koordiniert werden könnten. Eine für die Selbstbestimmung der Bewohner*innen nicht ganz unwichtiges Thema sprach die Löffinger Heilpraktikerin Susanne Sidi Yacoub (SPD) an, nämlich das Taschengeld. Jeder Sozialhilfeempfänger bekomme hier im Heim einen monatlichen Barbetrag von derzeit knapp 115 Euro zur persönlichen Verfügung, erklärte Joachim Wünsche.

Ein wachsendes Problem für Pflegeheime, so der Heimleiter, sei der Umgang mit Dementen. Nicht nur die häusliche Pflege stoße da an ihre Grenzen. Menschen mit Demenz bräuchten viel Ruhe, kleinräumige Versorgungsstrukturen und Mitarbeiter, die feinfühlig auf sie eingehen können. Dafür aber fehle es aber an qualifiziertem Personal.

Bernd Michaelis

 

 

 

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